Modellversuch JAEL – Ergebnisse und Handlungsbedarfe

14.04.2026

 
 
 

Der Modellversuch JAEL - Jugendhilfeverläufe: Aus Erfahrung lernen untersuchte im Auftrag des Bundesamts für Justiz (BJ) erstmals systematisch die langfristigen Lebensverläufe von jungen Menschen nach der stationären Jugendhilfe in der Schweiz. Aufbauend auf einem früheren Modellversuch (MAZ.), wurden die jungen Erwachsenen im Schnitt 10 Jahre nach ihrem Austritt erneut befragt. Ziel war es, Risiko- und Schutzfaktoren für gelingende Übergänge ins Erwachsenenleben zu identifizieren und daraus praxisnahe Verbesserungen abzuleiten. Ein zentrales Element war zudem die Entwicklung eines webbasierten Weiterbildungsprogramms für Fachkräfte, um die Erkenntnisse direkt in die Praxis zu transferieren. JAEL wurde von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) sowie in enger Kooperation mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm durchgeführt. Der Modellversuch lief über einen langen Zeitraum von Oktober 2016 bis März 2024 und basiert auf einer Stichprobe von 231 ehemaligen Jugendlichen aus der stationären Jugendhilfe. Mit 180 leitfadengestützten Interviews – davon 110 vertieft ausgewertet – gehört die Studie zu den umfangreichsten qualitativen und quantitativen Längsschnittuntersuchungen im deutschsprachigen Raum. Der Schlussbericht mit relevanten Erkenntnissen und den daraus resultierenden Handlungsbedarfen ist nun öffentlich.

Die Ergebnisse von JAEL zeigen ein ambivalentes Gesamtbild der Jugendhilfeverläufe: Ein Teil der jungen Menschen integriert sich langfristig gut, die Mehrheit zumindest ausreichend. Gleichzeitig bleibt jedoch ein besorgniserregend hoher Anteil mit erheblichen Schwierigkeiten in zentralen Lebensbereichen und eingeschränkter gesellschaftlicher Teilhabe.

Zu den zentralen Erkenntnissen zählen:

  • Erhebliche Integrationsleistung der Heimerziehung: Die ausserfamiliäre Unterbringung in einer Institution trägt erheblich zur sozialen Teilhabe hoch belasteter junger Menschen bei. 80% der JAEL-Stichprobe sind gut oder ausreichend gut integriert. 20% der JAEL-Teilnehmenden hat Schwierigkeiten in fast allen Lebensbereichen.

  • Hohe Belastungen in der Vorgeschichte: Viele der untersuchten jungen Menschen haben bereits vor der Heimunterbringung Misshandlung, Vernachlässigung oder andere traumatische Erfahrungen erlebt.

  • Psychische Gesundheit bleibt ein zentrales Thema: Rund 60 % der ehemaligen Heimkinder erfüllen im jungen Erwachsenenalter die Kriterien für eine psychische Erkrankung, häufig über längere Zeit hinweg.

  • Der Übergang ins Erwachsenenleben ist kritisch: Über 40% der Befragten fühlten sich beim Übergang aus der Jugendhilfe in ein eigenständiges Leben unzureichend unterstützt.

  • Probleme bei Arbeit und Finanzen: Trotz abgeschlossener Ausbildung gelingt vielen der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt nur schwer, was oft zu finanziellen Schwierigkeiten führt. In den Bereichen Arbeit und Finanzen sind die Teilnehmenden mit Abstand am unzufriedensten.

  • Gewalterfahrungen in Einrichtungen: Ein Teil der Befragten berichtete von körperlicher oder sexueller Gewalt während der Heimunterbringung – ein Hinweis auf Verbesserungsbedarf beim Schutz von Kindern und Jugendlichen.

  • Positive Wirkung von Weiterbildung: Ein im Projekt entwickeltes E-Learning-Programm für Fachkräfte wurde sehr positiv bewertet und stärkt Wissen und Handlungssicherheit im Umgang mit belasteten Jugendlichen.


Aus den Ergebnissen werden klare Handlungsbedarfe und relevante Forderungen für Politik und Praxis abgeleitet:

  • Transitionsphase stärken: Übergänge ins Erwachsenenleben müssen langfristiger, verbindlicher und niederschwelliger begleitet werden. Hierbei ist auch die Klärung der Situation mit der Herkunftsfamilie notwendig.

  • Kontinuität sichern: Stabilität von Beziehungen und in der ausserfamiliären Unterbringung hat hohe Bedeutung für positive Verläufe. Die professionelle Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung von Abbrüchen ist wichtig.

  • Kindesschutz in Institutionen konsequent umsetzen: Schutzkonzepte müssen wirksam überprüft und gelebt werden.

  • Psychische Versorgung ausbauen: Kontinuierliche, niederschwellige Angebote über das 18. Lebensjahr hinaus sind zentral.

  • Bildungswege neu denken: Fokus nicht nur auf Abschlüsse, sondern auf gezielte Förderung und nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt. Eine gelungene Arbeitsintegration ist in der Regel der Schlüssel zu einem insgesamt guten Verlauf.

  • Fachkräfte stärken: Weiterbildung – insbesondere digitale Formate – systematisch ausbauen und Fachkräfte in ihrer Arbeit unterstützen.

  • Fachpolitische Beteiligung: Die Expertise von Care Leaver*innen berücksichtigen und in den fachpolitischen Diskurs miteinbeziehen. Aus der Erfahrungsexpertise ergeben sich wichtige Aspekte für Politik und Praxis.


Fazit: JAEL zeigt, dass stationäre Jugendhilfe wirksam sein kann, macht aber gleichzeitig strukturelle Schwächen sichtbar – insbesondere beim Übergang ins Erwachsenenleben. Besonders deutlich wird, dass Care Leaver*innen überdurchschnittlich häufig von Armut, psychischen Erkrankungen, Substanzabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, Verschuldung und instabilen Wohnverhältnissen betroffen sind. Zugleich bestätigen die Ergebsnisse, dass viele junge Menschen die Übergangsphase ins Erwachsenenleben als unzureichend begleitet erleben, auch wenn sich die Unterstützungsstrukturen in den letzten Jahren bereits verbessert haben. Entscheidend ist, die Unterstützung über institutionelle Grenzen und Altersgrenzen hinweg zu denken und stärker an den realen Lebensverläufen der Betroffenen auszurichten.

Hier geht’s zum Schlussbericht der UPK Basel Klinik für Kinder und Jugendliche und Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Ulm:

Jugendhilfeverläufe: Aus Erfahrung lernen. Schlussbericht (24.11.2025)  

Jugendhilfeverläufe: Aus Erfahrung lernen. Zusammenfassung (24.11.2025)